15 Dinge, die ein KI-Übersetzungstool nicht kann

Werden menschliche Übersetzer bald durch KI ersetzt?

Auf keinen Fall, aber weil das das nicht Jeder weiß, teilen Sie bitte diesen Blogbeitrag! Ja, vielleicht möchte ich auch ein Bisschen Ruhm und Ehre damit erlangen, aber ich habe mir um das Thema ein paar Gedanken gemacht, die vielleicht gerade für Nicht-Linguisten interessant sein könnten, die der aktuellen Versuchung, alle lästigen und eventuell teuren Aufgaben einfach an die sagenumwobene künstliche Intelligenz abzugeben, kaum widerstehen können. Diese möchte ich hier mit Ihnen teilen.

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Für simple und eindeutige Texte mit wenig sprachlichen Feinheiten, bei denen eventuelle Fehlübersetzungen keinerechtlichen oder gar gesundheitlichen Konsequenzen hätten, kann man sich ein KI-Tool zur Hilfe nehmen, vor Allem dann, wenn es nur darum geht, den Inhalt zu verstehen und nicht um eine Veröffentlichung. Wenn der Text ins World Wide Web hinaus soll, würde ich allerdings immer eine Endkontrolle durch einen menschlichen Übersetzer empfehlen, der den Text in der Ausgangssprache richtig einzuordnen weiß. Die künstliche Intelligenz lernt stets dazu und wird immer besser. Sie kann viel, es gibt jedoch auch Vieles, was sie (noch) nicht kann:

  • Die Kernaussage erfassen und übersetzen, wie zum Beispiel im Marketing, wo Storytelling eine übergeordnete Rolle spielt, denn KI „denkt“ Satz für Satz und verliert dabei schnell den Blick für das Gesamtbild, für die Geschichte dahinter aus dem Auge. Marketing ist teuer – liebevoll erstellte Inhalte, die eine Geschichte erzählen und Emotionen wecken, sollten nicht durch schlechte Übersetzungen zunichte gemacht werden.
  • Emotionen erkennen, die durch den Ausgangstext vermittelt werden sollen und diese adäquat wiedergeben, das kann bisher nur der Mensch als fühlendes Wesen, der auch zwischen den Zeilen zu lesen vermag.
  • Wenn wir schon bei Emotionen sind: bei einem Gedicht zählen nicht nur Inhalt und Emotion, sondern es hat auch meistens eine besondere Form, wie zum Beispiel Reime und einen besonderen Rhythmus, Stilmittel wie Alliterationen und Vieles mehr – dies zu übersetzen erfordert sehr viel Kreativität und Kompetenz von einem Übersetzer, der all das gleichzeitig beachtet.
  • Witze, Wortspiele und Methapern – diese versteht bisher meist nur die menschliche, nicht aber die künstliche Intelligenz und kann diese in eine andere Sprache übertragen.
  • Auch Fantasy- oder Liebesromane bzw. alles, wo eine „schöne“ oder besondere Sprache wichtig ist oder wo eine bestimmte Zielgruppe konsequent angesprochen werden soll, sollte unbedingt von einem Menschen übersetzt werden.
  • Beglaubigte Übersetzungen können nur von einem durch den Präsidenten eines Oberlandesgerichtes ermächtigten oder auch beeidigten/vereidigten Übersetzer angefertigt werden. Die KI „darf“ das schlicht nicht. Selbst wenn – in den meisten Fällen sind die Ausgangstexte, etwa Urkunden oder Zeugnisse, nicht in editierbarer, maschinenlesbarer Form verfügbar und erfordern oft das geschulte Auge eines menschlichen Übersetzers bei unleserlichen Textstellenoder seine Vorstellungskraft bei abgeschnittenen Textstellen.
  • Auch eine Lokalisierung, also eine Anpassung an kulturelle Gegebenheiten im Zielland, kann ein KI-Übersetzungstool nicht gewährleisten. In der Praxis wird hier oft das Muttersprachlerprinzip angewandt, das heißt, es werden ausschließlich (menschliche) Übersetzer engagiert, die in ihre Muttersprache übersetzen und die Zielkultur gut kennen.
  • Stures Übersetzen funktioniert auch zum Beispiel nicht immer bei Bedienungsanleitungen oder anderen Dokumenten, für die es vorgefertigte Vorlagen gibt, die oft feste Bestandteile je nach Land/Sprache haben. In einer englischen Vorlage für so eine Anleitung stehen dann andere Hinweise zu Themen wie Entsorgung oder geltenden Normen als zum Beispiel in der deutschen Vorlage. Auch Kontaktdaten können unterschiedlich sein, vor Allem, wenn ein Unternehmen Niederlassungen in mehreren Ländern hat und der Kunde sich direkt an den technischen Support in seiner Landessprache wenden kann.
  • Bei beschrifteten Zeichnungen wird die Schrift oft nicht als solche erkannt und nicht automatisch mit übersetzt. Hier muss der Mensch nacharbeiten und am besten auch noch Bildbearbeitungskenntnisse mitbringen.
  • In Fällen, in denen der Ausgangstext schon nicht korrekt oder gar schon das Ergebnis zahlreicher Runden durch (schlechte) Übersetzungstools ist, muss ein Fachübersetzer her, der sich mit dem Thema so gut auskennt, dass er trotz allem erkennt, was gemeint ist. Vermutlich hat Jeder schon einmal ein Elektrogerät gekauft, bei dem eine völlig unverständliche Gebrauchsanweisung dabei lag, bei der man direkt ahnen konnte, dass diese kein Mensch übersetzt hat. Als Hersteller hat man dann die Lacher auf seiner Seite, aber seriös wirkt das nicht, von der Sicherheit ganz zu schweigen.
  • Ein menschlicher Übersetzer achtet auf konsistente Terminologie und Schreibweisen, wie zum Beispiel auf gleichbleibende Dezimaltrennzeichen (je nach Sprache ist Punkt oder Komma üblich) oder darauf, dass Gleiches auch immer gleich benannt wird, um Missverständnisse zu vermeiden. Da KI von Satz zu Satz übersetzt, werden hier viele verschiedene Varianten angeboten, statt bei einer zu bleiben. Nicht jede der Varianten muss auch korrekt sein.
  • Die Übersetzungsmaschine erkennt ebenso oft nicht, dass der deutsche Ausgangstext bereits Wörter in der Zielsprache wie das englische Wort „dose“ für „Dosis“ enthält und übersetzt dies mit „can“ wie Raviolidose. Auch HTML-Code ist ein schwieriges Thema. Die englischen Tags sollten keinesfalls eingedeutscht werden, da sie sonst nicht mehr funktionieren und den Aufbau einer Website so komplett zerstören können.
  • Noch schwieriger wird es für die KI, wenn Listen übersetzt werden sollen, wenn also jeglicher Zusammenhang fehlt. Dies ist auch für den Menschen oft schwierig, dieser hat aber oft Hintergrundwissen und kann evtl. in Erfahrung bringen, in welchem Zusammenhang ein Textfetzen ursprünglich mal stand und am Ende in der Zielsprache auch wieder stehen soll.
    Der „Eingang“ eines Gebäudes ist ein „entrance“, der eines Gerätes ist ein „input“ – ohne Zusammenhang bzw. das nötige Hintergrundwissen sind diese Dinge nicht korrekt übersetzbar und man sollte auf jeden Fall den menschlichen Übersetzer vorziehen. Eine weitere Tücke: Viele deutsche Wörter heißen in Singular und Plural gleich und kommen in Listen ohne den zum Verständnis so wichtigen Artikel daher, wie z. B. „Partikel“ – im Englischen müsste man schon wissen, ob es sich um einen/den „particle“ oder mehrere/die „particles“ handelt. (Weitere Beispiele von vielen: Artikel, Becher, Computer, Mitarbeiter, Fenster, Zimmer, Kabel, Koffer, Leiter – hierbei gibt es die weitere Schwierigkeit, dass man nicht weiß, ob es sich um den Leiter, z. B. einer Abteilung oder die Leiter zum Hinaufsteigen handelt, ein ähnliches Problem hat man bei Messer: ist das Messer zum Schneiden gemeint oder der Messer, z. B. der Luftstrommesser?
  • Vor Allem bei Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche fällt die Übersetzung oft länger aus als der Ausgangstext. Das ist nicht immer ein Problem, wenn aber aus technischen oder sonstigen Gründen nur eine begrenzte Textlänge möglich ist, kann der Mensch tricksen, die KI zumindest bisher noch nicht. Man müsste ihr mitteilen können, wie viele Zeichen maximal verwendet werden dürfen, aber selbst dann weiß man nicht, ob sie halbwegs logische und verständliche Abkürzungen fabriziert.
    Auch Abkürzungen im Ausgangstext sind eine häufige Fehlerquelle bei KI-Übersetzungen, da deren Bedeutung, gerade bei weniger gebräuchlichen Abkürzungen, oft nicht klar ist. Hier kann der Mensch hinterfragen, die KI tut dies bislang nicht.
  • Die KI erkennt nicht unbedingt, wenn es sich um Marken- oder Firmennamen handelt und übersetzt diese. Das ist nicht nur peinlich oder belustigend, sondern verschlechtert natürlich auch die Auffindbarkeit in den Suchmaschinenergebnissen.

Fazit:

KI kann in einigen Fällen die Vorarbeit leisten, aber jemand muss sie optimal anwenden, das Ergebnis genau kontrollieren und anpassen sowie die KI weiter füttern und trainieren, damit diese sich stetig verbessert. In Fällen wie beglaubigten Übersetzungen ohne editierbaren, einlesbaren Ausgangstext kann die künstliche Intelligenz auch nicht die Vorarbeit leisten.

Dass in Bereichen wie Medizin oder dort, wo mit Gefahrenquellen wie Strom, Gas o. Ä. umgegangen wird, eine Fehlübersetzung unbedingt vermieden werden sollte, da hier Lebensgefahr besteht, muss ich wohl nicht erwähnen.

Verlernen Übersetzer durch KI ihren Beruf?

Ich kann mir leider gut vorstellen, dass Übersetzer das eigenständige Übersetzen im Laufe der Zeit verlernen bzw. zumindest die Qualität darunter leidet, wenn sie 99 % ihrer Texte vorher durch eine Maschine laufen lassen und nur noch MTPE (Machine Translation Post Editing) betreiben. Wahrscheinlich gewöhnt man sich teilweise die Wortwahl und Strukturen an, die die KI oft verwendet; Individualität, Kreativität und Vielfalt gehen verloren. Daher hoffe ich, dass Auftraggeber erkennen, wenn die Notwendigkeit besteht, eine Übersetzung komplett von einem Menschen anfertigen zu lassen. Dabei sollte dieser Artikel helfen. Leider stehen Übersetzer heutzutage unter einem großen Druck, konkurrenzfähig zu bleiben und kommen kaum drumherum, sich Texte, bei denen es möglich ist, von der KI vorübersetzen zu lassen. Man sollte also mit der KI statt gegen sie arbeiten, aber stets die Qualität im Auge behalten.

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Sollte man Übersetzern weniger zahlen, wenn die Vorarbeit durch ein KI-Tool erledigt wird?

Für MTPE viel weniger zu zahlen, ist nicht richtig, weil sich der Aufwand nicht zwangsläufig verringert, da der beauftragte Übersetzer gut aufpassen muss, dass Inhalt und Sinn des Ausgangstextes gewahrt werden. DeepL & Co. lassen in der Regel alles plausibel klingen, was aber nicht zwingend heißt, dass der Sinn in der Zielsprache dem des Ausgangstextes entspricht. Oft führen auch schon minimale Ungenauigkeiten oder Fehler im Ausgangstext, wie ein fehlender Buchstabe in einem Wort, zu gravierenden Fehlübersetzungen, die sich auf den ersten Blick nicht erkennen lassen, da der Zieltext ja plausibel klingt. Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen! Übersetzungen, die sich fließend lesen, aber inhaltlich nicht korrekt sind, werden vom unaufmerksameren Leser eher durchgewunken als die früher noch eher holprig anmutenden Übersetzungen, die den noch nicht so gut trainierten Übersetzungshelferlein entsprangen. Bei fehlerhaften oder schlecht lesbaren Ausgangstexten kann es auch zu Auslassungen in der KI-Übersetzung kommen und in manchen Fällen wird eine komplette Neuübersetzung erforderlich, weil der durch KI übersetzte Text einfach keinen Sinn ergibt. All das habe ich schon mehrfach erlebt. Man hat also mal eine Zeitersparnis und mal nicht, es ist eine Mischkalkulation. Außerdem sollte grundsätzlich nicht nach der investierten Zeit, sondern nach Ergebnissen bezahlt werden (daher bezahlt man Übersetzer ja auch üblicherweise nach Normzeilen oder Worten, statt etwa pro Stunde) und wie er zum bestmöglichen Ergebnis kommt, sollte dem Übersetzer selbst überlassen werden, denn er wird am besten wissen, was für ihn und für die individuelle Situation und Aufgabe funktioniert!

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